Akustik-Wissen · 02
Schallabsorption vs.
Schalldämmung
Der häufigste Planungsfehler in der Raumakustik: Absorption und Dämmung werden verwechselt. Was ist der Unterschied — und wann brauche ich was?
Inhalt
Der grundlegende Unterschied
Diese Verwechslung passiert täglich in Planungsgesprächen — und führt zu falschen Produktentscheidungen und enttäuschten Erwartungen:
Absorption
Reduziert den Nachhall im Raum
- Schall wird vom Material aufgenommen
- Raumklima wird angenehmer
- Sprachverständlichkeit steigt
- Lärmpegel im Raum sinkt
- Messgröße: αw (Absorptionsgrad)
Dämmung
Reduziert die Übertragung zwischen Räumen
- Schall wird durch Masse blockiert
- Privatsphäre zwischen Zonen
- Schallübertragung sinkt
- Lärm von außen bleibt außen
- Messgröße: Rw (Schalldämm-Maß)
Eselsbrücke: Absorption = was im Raum passiert. Dämmung = was zwischen Räumen passiert. Ein dicker Teppich absorbiert gut — dämmt aber kaum. Eine schwere Betonwand dämmt gut — absorbiert aber kaum.
Schallabsorption im Detail
Absorption verwandelt Schallenergie in Wärme. Absorbierende Materialien sind typischerweise porös, weich oder strukturiert — Textilien, Schaumstoffe, Mineralwolle, offenporige Holzfaserplatten.
Das Ergebnis: Der Nachhall im Raum wird kürzer. Gespräche klingen klarer, Musik wird verständlicher, der allgemeine Lärmpegel sinkt — weil Schall nicht mehr so lange zwischen den Wänden hin- und herprallt.
Wichtig: Absorption hält Schall nicht im Raum. Ein Geräusch, das laut genug ist, dringt trotzdem durch Wände und Decken — Absorption hat darauf keinen Einfluss.
Schalldämmung im Detail
Dämmung blockiert Schall durch Masse. Je schwerer und dichter ein Bauteil, desto mehr Schall wird reflektiert bevor er hindurchdringt. Eine 20 cm Stahlbetonwand dämmt deutlich mehr als eine dünne Gipskartonwand.
Das Ergebnis: Schall überträgt sich weniger von Raum zu Raum. Gespräche im Konferenzraum bleiben im Konferenzraum. Lärm vom Flur dringt nicht ins Büro. Musik aus dem Proberaum stört die Nachbarn weniger.
Textile Schallschutzvorhänge nutzen dieses Prinzip: Mehrlagige, schwere Textilsysteme mit Flächengewichten von 3–5 kg/m² blockieren einen Teil der Schallenergie bevor sie von Zone zu Zone übertragen wird — mit messbaren Dämmwerten bis Rw bis 28 dB, abhängig von Material, Lagen & System.
Kennzahlen im Vergleich
- αw (Absorptionsgrad) — Wert zwischen 0 und 1. Je näher an 1, desto mehr Schall wird absorbiert. Produkte werden in Absorptionsklassen A–E eingeteilt.
- Rw (Bewertetes Schalldämm-Maß) — Wert in dB. Je höher, desto besser die Dämmwirkung. Rw bis 28 dB entspricht einer spürbaren, aber nicht vollständigen Trennung — abhängig von Material, Lagen & System.
- T60 / Nachhallzeit — Ergebnis der Absorption im Raum. Zielwert je nach Nutzung 0.4–0.9 s.
- STI (Speech Transmission Index) — Maß für Sprachverständlichkeit. Wert 0–1, ab 0.6 gilt Sprache als gut verständlich.
Wann brauche ich was?
Die einfache Entscheidungshilfe für die Planung:
- Nachhall im Raum ist zu lang, Raum klingt hallig → Absorption nötig → Akustikvorhänge, Paneele, Rollos
- Geräusche übertragen sich zwischen Zonen oder Räumen → Dämmung nötig → Schallschutzvorhänge, schwere Trennelemente
- Beides — Raum klingt hallig und Geräusche übertragen sich → Kombination aus Absorption und Dämmung
- Konferenzraum klingt hallig und Gespräche dringen nach außen → Typischer Kombifall in der Praxis
Planungshinweis: In der Praxis brauchen die meisten Projekte beides — aber in unterschiedlicher Gewichtung. Ein offenes Büro braucht primär Absorption (Nachhall reduzieren) und punktuell Dämmung (Konferenzzonen abschirmen). Ein Hotelzimmer braucht primär Dämmung (Außenlärm, Nachbarzimmer) und ergänzend Absorption (angenehme Raumakustik).
Was textile Lösungen leisten
Textile Lösungen decken beide Bereiche ab — aber in unterschiedlicher Intensität:
- Akustikvorhänge → primär Absorption, αw bis 0.85 — reduzieren Nachhall, verbessern Raumklima
- Schallschutzvorhänge → primär Dämmung, Rw bis 28 dB — reduzieren Schallübertragung zwischen Zonen
- Akustikpaneele → Absorption, αw bis 0.95 — höchste Absorptionswirkung punktuell an Wand oder Decke
- Kombination → Akustikvorhang (Absorption) + Schallschutzvorhang (Dämmung) = umfassende textile Akustiklösung
Textile Lösungen ersetzen keine massiven Bauteile bei hohen Dämmungsanforderungen — aber sie ergänzen sie, ermöglichen flexible Zonenbildung ohne Baueingriff und liefern dabei messbare, dokumentierte Werte für Ausschreibungen.